Wir waren endlich auf dem Weg nach hause.
Während der endlosen Fahrt quer durch die Stadt berichtete ich K., dass ich überlegt hatte, den Roman anhand der vier musikalischen Sätze zu organisieren.
Andante con moto, Adagio ostinato, Rondo tenebroso und Finale. Sie fand die Idee zwar interessant, gab aber zu bedenken, dass die meisten Leser wohl den Sinn einer solchen Einteilung nicht verstünden und dies doch im krassen Gegensatz zu dem stünde, was der Roman eigentlich leisten solle. Nämlich, ein Buch für “das Volk” zu sein.
Wie unglaublich gewollt das klingt, denkst du – diesmal, ohne mich darauf hinzuweisen, da du weißt, dass ich nur Sarkasmus für den Vorwurf der Imitationsverkennung übrig habe.
Als sie gerade beginnen wollte, mir einen Vortrag über das Provencalische zu halten, sah ich ihn.
Vielleicht sah sie ihn auch zuerst.
Nackt, jesusartig, eine Fiktionalisierung des Alltags. Er stand direkt an der Ampel, vor der riesigen Burger King Filiale an der Straße des 17. Junis und wartete brav darauf, dass die Ampel auf grün umschalten würde.
Es waren –10 Grad und dennoch fuhren wir noch ganze 2 Minuten weiter, bis fast zum Ernst-Reuter-Platz, der uns zwang uns zum Umkehren zu entscheiden. Ich wendete auf dem Mittelstreifen und als wir an der Stelle ankamen,
war er nicht mehr da.
Er musste in den Tiergarten gelaufen sein. Hektisch parkte ich an der Ampel. Bevor wir die Polizei rufen würden, mussten wir das eben gekaufte Gras im Kofferraum verstecken. In der runden neogrünen Tuppabox für den einzelnen Apfel, in der bereits ein einzelnes Ei in Kücherolle gewickelt lag, dass wir von K.’s Mutter in weiser Voraussicht erbettelt hatten, um es mit den beiden noch vorhandenen Eiern am kommenden Morgen zu Pfannkuchenteig zu verarbeiten.
Vielleicht war es also auch die Tatsache, dass das ganze Auto unglaublich nach Gras roch, die uns davon abhielt, gleich an den Straßenrand zu fahren, und weniger der Kreisverkehr, der uns zum Umkehren zwang. Vielleicht war auch ich es, die einfach nicht an der Rand fuhr und die sich vom dem Apfel, dem Ei, dem Pfannkuchen und schließlich dem Kreisverkehr bedroht fühlte und sich schließlich in den warmen Schoß der Gefahr des „führen sie Betäubungsmittel mit sich?“ zurücksehnte.
Als wir in den Park liefen, sahen wir ihn wieder. Etwa 50 m vor uns, lief er –langhaarig, dürr und weißhäutig, zaghaft tapsend im Laternenschein. Uns kamen 4 halbstarke Jungs lachend entgegen und außer Atem fragten wir sie, ob sie schon die Polizei gerufen hätten. Das hatten sie zwar, waren aber der Meinung, die Polizei würde sich von 15 – Jährigen, die behaupteten einen Nackten gesehen zu haben, nur verarscht fühlen. Also rief K. noch einmal an und erfuhr, dass ein Streifenwagen bereits auf dem Weg sei.
Die Jungs meinten, sie könnten ja dann gehen und ich sagte ihnen, dass ich es für eine super Idee hielte, wenn die 4 Männer, die 2 Frauen jetzt alleine mit dem Nackten im dunklen Park ließen.
Sie blieben.
Einer von ihnen stellte sich an die Straße, um die Polizei abzufangen und wir gingen dem Verwirrten hinterher. Im Lichtkegel einer scheinbar besonders grellen Laterne, drehte er sich plötzlich um und kam auf uns zu. Zwar wichen wir zurück, wussten aber schon, dass wir ihn würden ansprechen müssen.
Äh, hallo? Ist alles O.K.? Wir haben die Polizei gerufen, die müsste gleich da sein.
Uns ignorierend flanierte er an uns vorbei, wieder Richtung Straße. Wir hinterher, begleitet von dem Gekreische der Pubertierenden, die immer wieder schreien mussten – er ist echt nackt! Als würde es ihnen erst jetzt bewusst, in dem Moment als er ihnen entgegen kam.
Dass du das typisch und für nicht erwähnenswert hältst, war mir schon damals klar.
Um der ganzen Situation noch den gewissen dramatischen Kick zu geben, stieg der Nackte über den winzigen zwecklosen Zaun und ging auf das Wasser zu.
Der “Scheiße, scheiße” – Chor erklang und schwoll an.
Langsam schob sich sein Spiegelbild auf den See – Und dem Jesusfreak wurde die gesamte Tragik seiner ganzen urkomischen Situation deutlich. Jedenfalls so deutlich es einem, auf irgendetwas hängengebliebenden Nackten, bei – 10 Grad, in der Homo-cruising-area im Berliner Tiergarten, nur werden kann. Er kehrte um und half uns, irgendwie seltsam im Kreis tänzelnd – der Chor war inzwischen verstummt, die 2 Minuten bis zum Eintreffen der Polizei noch zu überbrücken.
Als einer der Beamten ihn, in eine graue Wolldecke gehüllt, in den Wagen geschoben hatte, fragte dieser uns, ob wir Anzeige wegen öffentlichem Ärgernis erstatten wollten, was wir mit hysterischem Gelächter beantworteten, weil uns wohl beiden gerade wieder die Tuppabox im Kofferraum eingefallen war. Wir berichteten noch, dass der Nackte nicht ansprechbar gewesen sei und erfuhren, dass er bereits am S-Bhf. Bellevue begonnen hatte, sich auszuziehen und außerdem gar nicht so verwirrt sei, denn den Polizisten hätte er soeben gesagt: „Bitte bringen sie mich nach hause.“
Du weißt, ich war enttäuscht und hätte es viel aufregender gefunden, wenn ich doch noch, vom Chor begleite,t in den Tümpel hätte springen müssen oder vielleicht zu der Erkenntnis gelangt wäre, dass ich es trotz Notwendigkeit nicht getan hätte.
Dazu kann ich dir nur sagen, dass ich auf jeden Fall gesprungen wäre, der Dramatik wegen, denn nichts zählt mehr im Leben. Du belächelst mich höhnisch – obwohl du, hättest du an K.’s stelle später mit mir am Esstisch bei Gnocchi und Ziegenkäse gesessen, wahrscheinlich bei meinem Dramatikspruch ebenso herzlich gelacht hättest wie sie und den bitteren Nachgeschmack der Aussage erst viel später geschmeckt hättest, lange nach dem Gespräch. Eben genau jetzt, da du es wieder liest.
Die Inkonsequenz der Verrücktheit dieses Freaks macht mich bis heute rasend und eben das, macht diese winzige Tragödie perfekt!